Rostock - Nach inzwischen 30 Verhandlungstagen vor dem Landgericht Rostock hat der Mordprozess im Fall Fabian eine enorme Menge an Aussagen, digitalen Spuren, Sprachnachrichten, Videos und unterschiedlichen Erinnerungen hervorgebracht. Für uns als Redaktion zeigt sich vor allem eines: Der Prozess ist deutlich komplexer, als einzelne Aussagen oder kurze Ausschnitte vermuten lassen.

Seit Beginn der Hauptverhandlung wurden zahlreiche Zeugen gehört, Ermittlungsmaßnahmen nachvollzogen und immer wieder frühere Aussagen mit späteren Erkenntnissen verglichen. Gleichzeitig hat die Verteidigung versucht, alternative Erklärungen und mögliche andere Ermittlungsansätze in das Verfahren einzubringen. Viele dieser Beweisanträge hat die Kammer inzwischen abgelehnt.

Gina H. rückt immer stärker in den Mittelpunkt

Einen der bislang wichtigsten Abschnitte des Prozesses bildete die ausführliche Befragung der Angeklagten Gina H.

Über viele Stunden musste sie Fragen zu ihrer Beziehung zu Matthias R., ihrem Verhältnis zu Fabian, ihren Aufenthaltsorten, ihrem Fahrzeug, verschiedenen Sprachnachrichten und ihren Angaben gegenüber der Polizei beantworten.

Dabei wurden mehrfach Unterschiede zwischen früheren Aussagen und ihren heutigen Erklärungen thematisiert. Besonders intensiv ging es unter anderem um ihre Fahrten rund um den 10. bis 13. Oktober 2025, ihre Google-Suchen, ihre Kenntnisse über Klein Upahl sowie die Frage, woher sie zu bestimmten Zeitpunkten einzelne Informationen über Fabian hatte.

Auch ihre Suche nach „Fressen Wildschweine tote Menschen“ sowie ihre Überlegungen zu Klein Upahl wurden vor Gericht ausführlich besprochen.

Aus unserer Sicht gehört diese Befragung bislang zu den zentralen Teilen der Hauptverhandlung. Gleichzeitig gilt weiterhin: Widersprüche oder ungewöhnliche Aussagen sind für sich allein noch kein Beweis für eine Täterschaft.

Handydaten spielen eine große Rolle

Ein weiterer Schwerpunkt sind die digitalen Spuren.

Ausgewertet wurden unter anderem Bewegungsdaten, Display-Aktivitäten, Fahrzeugbewegungen, App-Nutzung und die Aktivierung der Taschenlampe auf Gina H.s Smartphone.

Diese Daten haben im Prozess immer wieder eine Rolle gespielt, ihre Aussagekraft ist jedoch begrenzt. Ein Smartphone kann Hinweise darauf geben, wann und wie sich ein Gerät bewegt hat. Es beweist nicht automatisch, welche Person sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich mit dem Gerät an einem bestimmten Ort befand.

Genau deshalb wurde über die Aussagekraft dieser Daten ausführlich gestritten. Die Verteidigung beantragte weitere Gutachten, die Kammer lehnte mehrere davon inzwischen ab.

Die Sichtungen vom 9. und 10. Oktober bleiben wichtig

Besonders interessant waren zuletzt die Aussagen aus dem Hort.

Zwei Jungen hatten ausgesagt, Fabian am Nachmittag des 10. Oktober 2025 noch gesehen zu haben. Durch die Aussage eines Erziehers entstand jedoch eine andere Möglichkeit.

Steve E. erklärte vor Gericht ausdrücklich: „Donnerstag hab ich Fabian gesehen.“

Damit meinte er den 9. Oktober, also einen Tag vor Fabians Verschwinden. Nach seiner Erinnerung waren die beiden Jungen bei dieser Begegnung dabei.

Auch die digitale Zeiterfassung des Horts wurde ausgewertet. Sie zeigt, dass beide Kinder sowohl am Donnerstag als auch am Freitag im Hort waren.

Damit steht weiterhin die Frage im Raum, ob sich die Kinder möglicherweise beim Tag ihrer Begegnung mit Fabian geirrt haben.

Sprachnachrichten geben ungewöhnlich tiefe Einblicke

Kaum ein anderer Teil des Prozesses vermittelt so viele unmittelbare Eindrücke wie die zahlreichen Sprachnachrichten.

Sie zeigen Gespräche zwischen Gina H., Matthias R., Freunden und Bekannten aus den Tagen nach Fabians Verschwinden und nach dem Fund seiner Leiche.

Dabei geht es um Trauer, Beziehungen, gegenseitige Vorwürfe, finanzielle Probleme, die Suche nach Fabian und später auch um den zunehmenden Verdacht gegen Gina H.

Auch Telefonate von Fabians Vater wurden vorgespielt. In einem Gespräch vom 13. November 2025 machte Matthias R. deutlich, dass er Gina H. damals eine solche Tat nicht zutraute. Er sagte: „Ja, weil ich Gina vier Jahre kenne. Ich kenn sie und das trau ich ihr nicht zu. Punkt.“

Das zeigt zugleich, wie unterschiedlich Einschätzungen innerhalb des persönlichen Umfelds zu verschiedenen Zeitpunkten waren.

Viele Beweisanträge der Verteidigung scheitern

Inzwischen hat das Gericht über eine ganze Reihe von Beweisanträgen entschieden.

Unter anderem werden Fabians Fußballtrainerin, mehrere von der Verteidigung benannte Zeugen, ein Mann mit einer möglichen Sichtung eines orangefarbenen Pick-ups sowie weitere Personen nicht vernommen.

Auch zusätzliche Gutachten zu Fahrzeug-, Handy- und Branddaten wurden teilweise abgelehnt.

Richter Holger Schütt machte bei mehreren Entscheidungen deutlich, dass die Kammer keinen ausreichenden zusätzlichen Erkenntnisgewinn sieht.

Besonders deutlich formulierte er dies bei der möglichen Sichtung eines weiteren orangefarbenen Pick-ups. Die „bloße Sichtung irgendeines orangefarbenen Pickups“ sei „ohne Belang“.

Noch ist der Prozess nicht am Ende

Ursprünglich sollte das Verfahren deutlich früher abgeschlossen werden. Davon ist inzwischen keine Rede mehr.

Weitere Termine sind derzeit für den 5. und 8. Oktober sowie den 29. und 30. Oktober und den 10. November vorgesehen. Richter Schütt hat bereits deutlich gemacht, dass die Kammer noch weitere Verhandlungstage benötigt.

Auch der psychiatrische Gutachter steht noch aus. Seine Einschätzung könnte für den weiteren Verlauf des Verfahrens noch eine wichtige Rolle spielen.

Unser bisheriges Fazit

Nach 30 Verhandlungstagen sehen wir keinen Prozess, der sich auf ein einzelnes Beweisstück reduzieren lässt.

Die Anklage stützt sich auf eine Vielzahl von Indizien, digitalen Daten, Aussagen und zeitlichen Zusammenhängen. Gleichzeitig versucht die Verteidigung, Zweifel an einzelnen Schlussfolgerungen zu wecken und alternative Erklärungen aufzuzeigen.

Einige Aussagen von Gina H. wurden im Verlauf der Hauptverhandlung intensiv hinterfragt. Teilweise musste sie erklären, warum frühere Angaben von dem abweichen, was später durch Nachrichten, Videos oder andere Beweismittel bekannt wurde.

Auf der anderen Seite gibt es auch Punkte, deren Bedeutung noch nicht abschließend geklärt ist.

Deshalb wäre es aus unserer Sicht falsch, zum jetzigen Zeitpunkt bereits ein endgültiges Urteil über die Beweislage zu formulieren.

Gina H. gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.

Für uns bleibt entscheidend, den weiteren Prozess aufmerksam zu verfolgen, Aussagen nicht isoliert zu betrachten und zwischen gesicherten Tatsachen, Behauptungen und Interpretationen zu unterscheiden.

Der Fall Fabian ist nach 30 Verhandlungstagen noch lange nicht abgeschlossen – und die kommenden Termine dürften für die abschließende Bewertung der Beweise noch entscheidend werden.

Bamberg24.tv wird den Prozess weiter begleiten und über die Entwicklungen berichten.